Die Stimme um Mitternacht
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Um 23:59 Uhr lag mein Handy jede Nacht auf dem Kopfkissen neben mir, mit dem Display nach oben, und um Punkt Mitternacht leuchtete sein Name auf.
Jannik. Kein Foto im Kontakt. Nur der Name und ein kleines Brötchen-Emoji, das ich ihm in der ersten Woche verpasst hatte.
„Guten Morgen“, sagte er, wenn ich abnahm. Für ihn war es Morgen. Jannik ist Bäckermeister, 36 Jahre alt, und sein Tag beginnt, wenn meiner gerade aufhören sollte. Er stand um halb zwölf auf, trank im Stehen einen Kaffee in seiner Küche über der Backstube und rief mich an, bevor er um ein Uhr hinunterging, um den Sauerteig zu wecken. Eine Stunde, jede Nacht. Unsere Stunde.
Ich bin Nele, 31, und ich arbeite als Illustratorin von zu Hause aus. Ich war schon immer nachtaktiv, und seit der Trennung von Daniel im Frühjahr schlief ich noch schlechter. Ich hatte mich in einer Dating-App angemeldet, in der man sich erst nach drei Sprachnachrichten Fotos zeigen kann. Ich fand das klug. Nach drei Sprachnachrichten von Jannik wollte ich keine Fotos mehr. Ich wollte nur noch seine Stimme.
Sie war tief, aber nicht dröhnend. Ein bisschen rau, wie von der Backstubenluft, und mit einem norddeutschen Einschlag, der die Vokale weich machte. Er erzählte von Teig, als würde er von einem lebendigen Wesen sprechen. „Der muss sich entspannen, bevor man ihn formt“, sagte er einmal. „Wenn du ihn hetzt, reißt er.“ Ich lag in meinem Bett, mit geschlossenen Augen, und dachte, dass das vermutlich für sehr viele Dinge galt.
Wir telefonierten drei Wochen lang, bevor es zum ersten Mal passierte.
Es war eine Nacht im September, schwül, das Fenster stand offen, und ich lag nur in einem alten T-Shirt auf der Decke. Wir hatten über alles Mögliche geredet, über meine Zeichnungen, über seinen Großvater, der die Bäckerei gegründet hatte, über den Film, den wir beide nicht zu Ende geschaut hatten. Dann war es still in der Leitung. Nicht unangenehm. Ich hörte ihn atmen.
„Woran denkst du gerade?“, fragte ich.
Er zögerte. „Ehrliche Antwort?“
„Immer.“
„Ich frage mich, was du anhast. Und ich schäme mich ein bisschen dafür, weil ich nicht der Typ bin, der so was fragt.“
Ich lachte leise, und mein Herz schlug plötzlich sehr schnell. „Ein T-Shirt. Ein altes, von einem Konzert. Sonst nichts.“
Am anderen Ende war es eine Weile still. Dann hörte ich ihn ausatmen, lang und langsam. „Okay“, sagte er. „Das war gefährlich.“
„Warum?“
„Weil ich jetzt nicht mehr an Sauerteig denken kann.“
Ich drehte mich auf die Seite und zog die Knie an. Meine Haut kribbelte. „Woran denkst du stattdessen?“
„Nele.“ Seine Stimme wurde noch tiefer. „Wenn ich dir das sage, und es ist zu viel, dann sagst du es. Sofort. Ich lege nicht auf, ich höre einfach auf. Versprochen?“
„Versprochen. Und du genauso.“
„Wir brauchen ein Wort“, sagte er. „Eins, das niemand aus Versehen sagt.“
Ich überlegte. „Mehlstaub.“
Er lachte so laut, dass ich das Handy vom Ohr weghalten musste. „Mehlstaub. Gut. Mehlstaub heißt Stopp.“
„Und jetzt sag mir, woran du denkst.“
Er erzählte es mir. Langsam, mit Pausen, als würde er die Worte auf ihr Gewicht prüfen, bevor er sie losließ. Er erzählte, dass er sich vorstellte, neben mir zu liegen. Dass er mir das T-Shirt nicht ausziehen würde, nicht gleich. Dass er seine Hand darunter schieben würde, auf meinen Bauch, und sie dort liegen lassen würde, bis ich ungeduldig würde.
„Ich bin schon ungeduldig“, flüsterte ich.
„Dann leg deine Hand dahin. Wo ich sie hinlegen würde.“
Ich tat es. Meine eigene Hand auf meinem Bauch, unter dem T-Shirt, und seine Stimme an meinem Ohr, und es war, als wären es nicht meine Finger. „Und jetzt?“, fragte ich.
„Jetzt erzählst du mir, was du willst. Ich will es von dir hören.“
Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Mit Daniel hatte ich sieben Jahre lang geschlafen, und wir hatten dabei kaum geredet, und hinterher erst recht nicht. Mir fielen zuerst keine Worte ein, und dann fielen sie mir alle auf einmal ein. Ich sagte ihm, dass ich wollte, dass seine Hand tiefer wandert. Dass ich nass war. Dass ich mir vorstellte, wie seine Finger, die den ganzen Tag Teig kneten, an mir genau so geduldig wären.
Ich hörte, wie sein Atem schwerer wurde. „Bist du allein in deiner Küche?“, fragte ich.
„Ganz allein. Die Backstube ist unten, und da ist um diese Zeit niemand außer mir.“
„Fasst du dich an?“
Eine Pause. Dann, rau: „Ja. Ist das okay für dich?“
„Ja. Ich will dich hören.“
Was dann kam, war die intensivste Viertelstunde, die ich seit Jahren erlebt hatte, und er war nicht einmal im selben Stadtteil. Er beschrieb mir, wie er mich lecken würde, langsam, mit der Zunge flach und breit, und ich ließ meine Finger über meinen Kitzler kreisen, im Takt seiner Worte. Ich sagte ihm, wie hart ich ihn mir vorstellte, und er stöhnte, ein tiefer, ehrlicher Laut, der mir durch den ganzen Körper ging. Wir wurden schneller. Wir redeten durcheinander, halbe Sätze, Namen, „ja“ und „weiter“ und „nicht aufhören“. Als ich kam, presste ich das Kissen gegen meinen Mund, und er hörte es trotzdem und sagte meinen Namen, und dann hörte ich, wie er selbst kam, mit einem gepressten, überraschten Laut, als hätte es ihn umgehauen.
Danach lagen wir beide still. Ich hörte durch das Telefon eine Uhr ticken, irgendwo in seiner Küche.
„Alles gut bei dir?“, fragte er schließlich, sehr leise.
„Mehr als gut. Und bei dir?“
„Ich muss jetzt runter und Brötchen backen“, sagte er. „Und ich habe keine Ahnung, wie ich mich konzentrieren soll.“
Von da an war es nicht mehr jede Nacht so. Manchmal redeten wir nur. Manchmal sagte einer von uns, dass er heute keine Lust hatte, und das war vollkommen in Ordnung, und wir redeten über Bücher und über seinen kaputten Ofen und über meinen Auftraggeber, der jede Illustration in Pastelltönen wollte. Aber manchmal, wenn es still wurde in der Leitung, wussten wir beide, was als Nächstes kam. Und dann fragte einer von uns: „Willst du?“ Und der andere sagte Ja oder Nein, und beides war gut.
Wir erzählten uns Fantasien, die wir noch nie jemandem erzählt hatten. Er gestand mir, dass er sich vorstellte, mich morgens in der Backstube zu küssen, wenn alles nach frischem Brot riecht, und ich mit Mehl an den Händen seinen Rücken hinunterfahre. Ich gestand ihm, dass ich davon träumte, ihm die Augen zu verbinden und ihn nur durch meine Stimme zu führen, so wie er mich jede Nacht führte. Wir benutzten das Wort „Mehlstaub“ ein einziges Mal, als ich mitten im Satz merkte, dass mir eine Vorstellung doch nicht gefiel. Er hörte sofort auf. „Danke, dass du es gesagt hast“, sagte er nur, und wir redeten über etwas anderes, und eine halbe Stunde später war ich verliebter in ihn als vorher.
Nach sechs Wochen fragte er, ob wir uns sehen wollen.
„Sonntag ist die Bäckerei zu“, sagte er. „Ich schlafe bis mittags. Danach hätte ich Zeit. Den ganzen Nachmittag. Und den Abend.“
„Und wenn ich dir nicht gefalle?“
„Nele. Ich habe dich gehört, wie du kommst. Ich habe dich gehört, wie du weinst, weil dein Kater krank war. Ich habe dich gehört, wie du um drei Uhr nachts die falschen Strophen von einem Schlager singst. Du wirst mir gefallen.“
„Und wenn du mir nicht gefällst?“
Er lachte. „Dann trinken wir einen Kaffee, ich gebe dir ein Brot mit, und wir telefonieren weiter. Kein Druck. Keine Erwartung. Du kannst jederzeit gehen.“
Am Sonntag stand ich um halb drei vor einer alten Bäckerei in einer Seitenstraße. Die Rollläden waren unten, aber es roch trotzdem nach Brot, als hätte sich der Duft in die Mauern gesetzt. Neben der Ladentür war eine zweite Tür mit einem Klingelschild. Ich drückte, mit klopfendem Herzen und feuchten Händen.
Er öffnete in Jeans und einem grauen Pullover mit hochgeschobenen Ärmeln. Groß, breitschultrig, kurze dunkle Haare, ein Dreitagebart. Unterarme mit kleinen hellen Narben von Ofenblechen. Und Augen, die so nervös waren wie meine.
„Hi“, sagte er.
Nur ein Wort. Und es war seine Stimme. Genau diese Stimme, aus einem echten Mund, einen halben Meter vor mir, und mir wurden die Knie weich.
„Sag noch was“, sagte ich.
Er lächelte, ein bisschen schief. „Was willst du hören?“
„Das, was du immer sagst, wenn du anrufst.“
Er trat einen Schritt näher, beugte sich zu meinem Ohr und sagte leise: „Guten Morgen.“
Ich küsste ihn im Treppenhaus. Ich hatte vorgehabt, mir Zeit zu lassen, erst einen Kaffee zu trinken, mich vorsichtig heranzutasten. Stattdessen küsste ich ihn, als hätte ich sechs Wochen lang Hunger gehabt, und er küsste mich zurück, mit beiden Händen in meinen Haaren, und schmeckte nach Kaffee und ein bisschen nach Zimt.
„Darf ich dich mit hochnehmen?“, fragte er an meinem Mund.
„Ja. Bitte.“
Seine Wohnung war klein und hell, mit Dachschrägen und einem großen Fenster über den Hinterhof. In der Küche stand die Kaffeemaschine, die ich so oft gehört hatte. Auf dem Tisch lag ein Brot, noch in Papier, mit einem kleinen Zettel: „Für Nele. Egal, wie es läuft.“ Ich musste lachen und hätte fast geweint.
Im Schlafzimmer zog er mir den Pullover über den Kopf und blieb dann stehen. „Ich will dich nur kurz ansehen“, sagte er. „Ich habe mir das sechs Wochen lang vorgestellt. Und es ist besser.“
Ich zog ihm den Pullover aus. Seine Brust war breit, mit dunklen Haaren, und als ich die Hand darauflegte, spürte ich sein Herz rasen. „Weißt du, was ich die ganze Zeit wollte?“, fragte ich.
„Erzähl es mir.“
„Dass du mir dabei ins Ohr sprichst. So wie am Telefon. Aber dass ich dich dabei spüre.“
Er legte mich auf sein Bett, zog mir die Jeans und den Slip aus, langsam, und küsste sich dabei an mir hinunter. Und er redete. Er erzählte mir, was er tat, während er es tat, mit derselben ruhigen, tiefen Stimme, die mich nachts um eins in den Wahnsinn getrieben hatte. „Jetzt küsse ich deinen Bauch.“ Und ich spürte seine Lippen. „Jetzt deine Hüfte. Jetzt die Innenseite von deinem Schenkel.“ Es war, als würde das Telefon endlich zu Ende erzählen, was es so lange nur versprochen hatte.
Als seine Zunge mich fand, flach und breit und geduldig, genau wie er es beschrieben hatte, bog ich mich ihm entgegen und krallte die Hände ins Laken. Er hatte nicht übertrieben. Er ließ sich Zeit, unendlich viel Zeit, und jedes Mal, wenn ich kurz davor war, wurde er langsamer und fragte: „Noch nicht?“ Und ich sagte „noch nicht“ und dann irgendwann „jetzt, bitte jetzt“, und er gab mir, was ich wollte, und ich kam mit seinem Namen auf den Lippen, laut, ohne Kissen, ohne jemanden, der es nicht hören durfte.
Er kam zu mir hoch und küsste mich, und ich schmeckte mich selbst auf seinen Lippen. Ich öffnete seine Jeans und schob sie mit seinen Shorts nach unten, und dann hatte ich ihn endlich in der Hand, den Schwanz, den ich mir so oft vorgestellt hatte. Hart, warm, schwer. Ich strich an ihm entlang, und er stöhnte, und es war genau der Laut aus dem Telefon, nur dass ich ihn jetzt auch an meiner Hand spürte.
„Ich habe Kondome“, sagte er heiser. „In der Schublade. Ich habe sie gestern gekauft und mich gefühlt wie ein Teenager.“
„Hol sie.“
Er zog es über, und ich zog ihn auf mich. Als er in mich eindrang, langsam, Zentimeter für Zentimeter, hielt er inne und sah mich an. „Gut?“
„Gut. Beweg dich.“
Er bewegte sich. Erst langsam, mit langen, tiefen Stößen, und dabei redete er weiter, leise, direkt an meinem Ohr. Er sagte mir, wie gut ich mich anfühle. Wie lange er darauf gewartet hatte. Dass er es nicht fassen könne, dass ich wirklich hier bin, unter ihm, und nicht nur in seinem Hörer. Ich schlang die Beine um ihn und zog ihn tiefer, und seine Stöße wurden schneller, fester, und ich hörte mich selbst Dinge sagen, die ich bis vor sechs Wochen nie laut ausgesprochen hätte. „Fester“, sagte ich. „Ja. Genau so. Hör nicht auf.“
Er hörte nicht auf. Er schob eine Hand zwischen uns und rieb meinen Kitzler im Takt seiner Stöße, und ich spürte, wie es in mir wieder aufstieg, schneller als beim ersten Mal. „Komm mit mir“, keuchte ich, und er nickte an meinem Hals, und als ich mich um ihn zusammenzog, spürte ich, wie er tief in mir kam, zitternd, mit einem langen, rauen Stöhnen, das ich nie vergessen werde.
Wir lagen lange da, ineinander verknotet, während draußen der Nachmittag zum Abend wurde. Er strich mir mit den Fingern über den Rücken, Kreise und Linien, als würde er etwas formen.
„Weißt du, was komisch ist?“, fragte er irgendwann.
„Was?“
„Ich bin seit sechs Wochen jede Nacht um halb zwölf aufgestanden und habe dich angerufen. Mein Körper weiß gar nicht mehr, wie es ist, Sonntagnacht zu schlafen.“
Wir schliefen trotzdem, irgendwann, eng aneinander. Ich wachte auf, weil sein Wecker klingelte. Ein leises Piepen auf dem Nachttisch. 23:59 Uhr. Er hatte vergessen, ihn auszuschalten.
Jannik murmelte etwas und tastete nach seinem Handy. Ich war schneller. Ich nahm mein eigenes Telefon vom Boden, wählte seine Nummer und hielt es mir ans Ohr, während ich mich auf seinem Kissen zu ihm drehte.
Sein Handy klingelte. Er blinzelte, sah das Display, sah mich, und begann zu lachen. Dann nahm er ab.
„Guten Morgen“, sagte ich leise. „Erzähl mir, was du tun würdest.“
Er legte das Handy weg, zog mich an sich und flüsterte an meinem Mund: „Ich muss nichts mehr erzählen.“
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