Die letzte Nacht nach der Messe
·9 Min. Lesezeit
Der Mann am Stand gegenüber hieß Tobias Brenner, und am ersten Messetag hasste ich ihn ein kleines bisschen.
Nicht persönlich. Beruflich. Seine Firma baut Bewässerungssysteme für Gewächshäuser, meine Firma baut Bewässerungssysteme für Gewächshäuser, und irgendjemand in der Messeplanung hatte es lustig gefunden, unsere Stände in Halle 9 genau gegenüberzustellen. Zwischen uns lagen drei Meter Teppich und zwanzig Jahre Konkurrenz zwischen zwei Familienunternehmen.
Ich bin Mareike, 38, Vertriebsleiterin, und ich bin gut in meinem Job. Tobias, so stand es auf seinem Namensschild, war 41, Technischer Vertrieb, und er war leider auch gut in seinem Job. Er hatte diese Art, mit Kunden zu reden, als wären sie alte Freunde. Ruhig, mit einem tiefen, etwas heiseren Lachen, das bis zu meinem Stand herüberklang. Am Nachmittag des ersten Tages hörte ich, wie er einem Gärtnereibesitzer aus Holland erklärte, warum unsere Tropfschläuche „solide, aber ein bisschen altmodisch“ seien.
Ich ging hinüber. „Altmodisch?“
Er drehte sich um, sah mich an, sah auf mein Namensschild und grinste. „Frau Kessler. Ich wusste, dass Sie zuhören.“
„Bei der Lautstärke hört Sie die halbe Halle.“
„Dann sollte die halbe Halle auch wissen, dass ich Ihre Schläuche eigentlich ganz gut finde. Nur das Ventil …“
„Das Ventil ist seit letztem Jahr neu.“
„Ich weiß. Ich hab’s mir angeschaut.“ Er hielt mir eine Visitenkarte hin. „Falls Sie mir mal erklären wollen, was ich übersehen habe.“
Ich nahm sie, weil alles andere unhöflich gewesen wäre. Auf der Rückseite stand, mit Kugelschreiber geschrieben, eine Handynummer.
Die erste Nachricht
Am Abend saß ich im Hotelzimmer, die Schuhe in der Ecke, die Füße auf dem Bett, und drehte die Karte zwischen den Fingern. Das Hotel lag zwanzig Minuten vom Messegelände entfernt, ein grauer Kasten mit dicken Teppichen, in dem gefühlt alle Aussteller aus Halle 9 wohnten.
Ich schrieb ihm nicht. Ich nahm eine Sprachnachricht auf. Ich weiß bis heute nicht, warum. Vielleicht, weil ich den ganzen Tag geredet hatte und mir Tippen zu umständlich war. Vielleicht, weil ich wollte, dass er meine Stimme hört.
„Herr Brenner. Kessler hier. Das Ventil hat jetzt einen Rückflussverhinderer aus Edelstahl. Den haben Sie übersehen. Gute Nacht.“
Acht Sekunden. Ich hörte sie mir zweimal an, bevor ich sie abschickte, und dann legte ich das Handy mit dem Display nach unten auf den Nachttisch, als könnte es beißen.
Nach zehn Minuten summte es.
Seine Stimme war leiser als am Stand. Wärmer. Im Hintergrund lief ein Fernseher, den er offenbar gerade ausschaltete. „Frau Kessler. Edelstahl. Ich bin beeindruckt. Und ich muss gestehen, dass ich heute weniger auf Ihr Ventil geachtet habe als auf Ihr Lachen, wenn Sie mit dem Holländer geredet haben. Gute Nacht.“
Ich lag eine halbe Stunde wach und hörte mir diese Nachricht fünf Mal an.
Der zweite Tag
Am zweiten Messetag war alles anders und gleichzeitig nichts. Wir standen uns gegenüber, wir redeten mit Kunden, wir taten so, als wären wir Konkurrenten. Aber jedes Mal, wenn ich aufsah, sah er auch auf. Einmal, als ein Kunde mir eine besonders dumme Frage stellte, hob er hinter dessen Rücken eine Augenbraue, und ich musste mich so sehr zusammenreißen, dass ich husten musste.
Mittags stand er plötzlich mit zwei Kaffee an meinem Stand. „Waffenstillstand?“
„Für zehn Minuten.“
Wir redeten über alles außer Bewässerung. Er erzählte, dass er seit drei Jahren geschieden war, keine Kinder, ein Hund namens Ventil, „wirklich, das ist kein Witz, er heißt so, weil er ständig sabbert“. Ich erzählte, dass ich seit einem Jahr Single war und mein Kater wenig von Messen hielt. Es waren die schnellsten zehn Minuten des Tages.
Am Abend wartete ich nicht mehr auf eine Ausrede. Ich nahm die Nachricht im Dunkeln auf, unter der Decke, mit dem Handy dicht am Mund.
„Ich muss Ihnen was beichten, Herr Brenner. Ich habe Ihre Nachricht von gestern öfter angehört, als ich zugeben sollte. Und ich frage mich, wie Ihre Stimme klingt, wenn Sie nicht über Tropfschläuche reden. Wenn das zu viel ist, sagen Sie es. Dann reden wir morgen wieder über Ventile, und alles ist gut.“
Ich drückte auf Senden, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
Die Antwort kam nach vier Minuten, und sie war lang.
„Mareike. Ich darf doch Mareike sagen? Es ist nicht zu viel. Es ist genau richtig. Ich liege hier, zwei Stockwerke über dir, glaube ich, und ich denke seit gestern Abend an deine Stimme. Wie sie klingt, wenn du müde bist. So wie jetzt.“ Eine Pause. Ich hörte ihn atmen. „Ich würde dir gern etwas sagen, das nichts mit Ventilen zu tun hat. Aber nur, wenn du das willst. Schick mir ein Ja. Oder schick mir gar nichts, und morgen bringe ich dir trotzdem einen Kaffee.“
Ich nahm eine Nachricht auf, die nur aus einem Wort bestand. „Ja.“
Was danach kam, hörte ich mir mit Kopfhörern an, das Licht aus, die Decke bis zum Kinn. Er erzählte mir, was er sich vorgestellt hatte, als ich mittags mit dem Kaffeebecher an meinem Pult lehnte. Dass er sich gefragt hatte, wie mein Hals schmeckt, gleich unter dem Ohr. Dass er mir den Blazer von den Schultern schieben würde, ganz langsam, und dann die Bluse, Knopf für Knopf, und dass er sich bei jedem Knopf Zeit lassen würde, weil er keine Eile hätte. Seine Stimme wurde dabei immer leiser, und ich spürte jedes Wort auf meiner Haut, als würde er neben mir liegen.
Meine Hand war längst unter dem Bund meines Pyjamas, als die Nachricht endete. Mit seinem Satz: „Und jetzt erzähl du mir, was du dir vorstellst.“
Ich erzählte es ihm. Drei Nachrichten lang, zwischen denen ich jedes Mal kurz innehielt, weil mein Atem nicht mehr ruhig genug war. Ich sagte ihm, dass ich seine Hände an meinen Hüften spüren wollte. Dass ich wissen wollte, wie er klingt, wenn er kommt. Dass ich gerade, in diesem Moment, an ihn dachte, mit meinen Fingern zwischen meinen Beinen, und dass ich mir wünschte, es wären seine.
Seine letzte Nachricht in dieser Nacht war nur noch ein raues Flüstern. „Du machst mich wahnsinnig. Morgen ist der letzte Messetag. Darf ich dich danach zum Essen einladen? Wirklich nur Essen. Alles andere entscheidest du.“
Der letzte Abend
Der dritte Messetag war der längste meines Lebens. Wir bauten am Nachmittag ab, er auf seiner Seite, ich auf meiner, und wenn sich unsere Blicke trafen, sah ich weg, weil ich das Gefühl hatte, die ganze Halle könnte es mir ansehen.
Um acht trafen wir uns in der Lobby. Er trug ein dunkelblaues Hemd ohne Krawatte, die Ärmel hochgekrempelt, und er sah nervöser aus, als er am Stand je gewirkt hatte. Wir aßen in einem kleinen italienischen Restaurant um die Ecke, tranken Wasser, weil wir beide am nächsten Morgen früh fahren mussten, und redeten über Hunde, Kater, Scheidungen und darüber, dass unsere beiden Firmenchefs sich vermutlich gegenseitig für Idioten hielten.
Auf dem Rückweg zum Hotel gingen wir langsam. An der Ecke vor dem Eingang blieb er stehen.
„Mareike.“ Er sah mich an. „Ich will ehrlich sein. Ich würde gern mit dir hochgehen. Aber ich will nicht, dass du das Gefühl hast, du müsstest. Wenn du jetzt sagst, wir verabschieden uns hier, dann verabschieden wir uns hier, und ich schicke dir trotzdem morgen früh eine Sprachnachricht.“
Ich trat einen Schritt auf ihn zu, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn. Er schmeckte nach Espresso. Seine Hände legten sich an meine Taille, genau dahin, wo ich sie mir vorgestellt hatte.
„Ich will“, sagte ich an seinem Mund. „Zu dir. Jetzt.“
Im Aufzug standen wir an entgegengesetzten Wänden, weil ein älteres Ehepaar mitfuhr, und ich habe noch nie so lange auf das Wort „Vier“ gewartet.
Zimmer 412
Sein Zimmer sah aus wie meins, nur gespiegelt. Er schloss die Tür, und für einen Moment standen wir einfach da, im gedämpften Licht der Nachttischlampe.
„Sag mir, wenn ich zu schnell bin“, sagte er.
„Du bist zu langsam.“
Er lachte, dieses tiefe, heisere Lachen, das ich drei Tage lang über den Gang gehört hatte, und dann war er bei mir. Er küsste meinen Hals, gleich unter dem Ohr, und flüsterte: „Genau da. Ich hab’s mir genau so vorgestellt.“ Er schob mir den Blazer von den Schultern. Dann die Bluse, Knopf für Knopf, und er ließ sich bei jedem einzelnen Zeit, genau wie er es erzählt hatte, bis ich ungeduldig wurde und die letzten beiden selbst öffnete.
„Ungeduldig, Frau Kessler?“
„Halt den Mund und zieh dein Hemd aus.“
Er tat es. Seine Brust war breit, mit grau melierten Haaren, und als ich meine Hände darauflegte, spürte ich, wie schnell sein Herz schlug. Ich öffnete seinen Gürtel, er öffnete meinen Rock, und dann lagen wir auf dem Bett, zwischen zu vielen Kissen, die wir lachend auf den Boden warfen.
Er küsste sich an mir hinunter, langsam, und redete dabei. Leise, direkt an meiner Haut. „Weißt du, was ich gestern Nacht gemacht habe, als deine dritte Nachricht kam?“
„Erzähl es mir.“
„Ich hab sie angehört. Und dann noch mal. Und beim dritten Mal bin ich gekommen, nur von deiner Stimme.“ Er zog mir den Slip über die Hüften. „Heute will ich hören, wie du klingst. Ohne Handy dazwischen.“
Als seine Zunge mich fand, griff ich in seine Haare und hörte auf zu denken. Er war geduldig, viel geduldiger, als ich es in diesem Moment ertragen konnte, und jedes Mal, wenn ich kurz davor war, hob er den Kopf und fragte: „Gut so?“ Und ich sagte „ja“ und „weiter“ und irgendwann nur noch seinen Namen. Ich kam mit einem Laut, den ich von mir nicht kannte, und er hielt meine Hüften fest, bis das Zittern nachließ.
Dann zog ich ihn zu mir hoch. Ich wollte ihn spüren, ganz. Ich schob ihm die Shorts herunter und nahm ihn in die Hand. Er war hart, warm, und als ich langsam an ihm entlangstrich, schloss er die Augen und stöhnte, genau dieser raue Laut aus der Sprachnachricht von gestern Nacht.
„Kondome?“, fragte ich.
„Im Kulturbeutel. Ich hab sie gestern in der Drogerie am Bahnhof gekauft. Die Kassiererin hat mich angesehen, als wüsste sie alles.“
„Sie wusste alles. Hol sie.“
Er kam zurück, riss die Packung auf, und ich half ihm, es überzustreifen. Dann drückte ich ihn auf den Rücken und setzte mich auf ihn. Als ich mich langsam auf ihn sinken ließ, hielt er meine Hände fest, unsere Finger verschränkt, und sah mich an, als könnte er nicht glauben, dass das gerade passiert.
„Alles okay?“, flüsterte er.
„Mehr als okay.“
Ich bewegte mich, erst langsam, dann schneller. Er redete die ganze Zeit, leise und heiser, sagte mir, wie gut ich mich anfühlte, wie schön ich aussah, wie lange er darauf gewartet hatte, seit dieser ersten Nachricht über einen Rückflussverhinderer aus Edelstahl. Ich musste lachen, mitten in allem, und er lachte mit, und dann drehte er uns um, sodass ich unter ihm lag, und das Lachen wurde zu etwas anderem.
Er nahm mich tief und fest, und ich schlang die Beine um ihn und zog ihn noch näher. „Sag mir, was du willst“, keuchte er an meinem Ohr.
„Dich. Härter. Hör nicht auf.“
Er hörte nicht auf. Ich spürte, wie es in mir wieder aufstieg, schneller als beim ersten Mal, und als ich mich um ihn zusammenzog, kam er mit mir, mit meinem Namen auf den Lippen und einem Stöhnen, das ich sicher noch in einem Jahr im Ohr haben werde.
Der Morgen danach
Wir lagen danach lange da, sein Kopf auf meiner Schulter, mein Herz noch immer zu schnell. Draußen fuhren die ersten Lieferwagen zum Messegelände, um die letzten Stände abzuholen.
„Du weißt, dass das kompliziert ist“, sagte er irgendwann. „Wir sind Konkurrenten.“
„Wir sind Konkurrenten bei Tropfschläuchen“, sagte ich. „Nicht bei allem.“
Er lachte in meine Halsbeuge. „Nächste Messe ist im Februar. In Nürnberg.“
„Ich weiß. Halle 7. Mein Chef hat schon gebucht.“
„Meiner auch.“ Er hob den Kopf. „Gegenüber?“
„Ich kümmere mich drum.“
Um sechs musste ich los. Ich zog mich im Halbdunkel an, und er sah mir dabei zu, mit einem Lächeln, das ich gern fotografiert hätte. An der Tür küsste er mich noch einmal, lange.
Im Zug nach Hause, irgendwo hinter Göttingen, summte mein Handy. Eine Sprachnachricht. Zwölf Sekunden.
„Guten Morgen, Frau Kessler. Ich hab mir euer Ventil noch mal angeschaut. Es ist wirklich gut. Fast so gut wie du. Bis Februar.“
Ich steckte die Kopfhörer ein, lehnte die Stirn an die Scheibe und hörte sie mir an, bis wir in Hamburg waren.
Mehr aus Sexgeschichte · Alle Sexgeschichten · Zum Ratgeber-Blog



